22.03.2018 / Allgemein / /

Agroscope Tänikon: Interview mit den Wiler Nachrichten zur geplanten Verlagerung von 100 Agrarforschungsplätzen

Wir brauchen wieder Forschungsaufträge, die von der Praxis in Auftrag gegeben werden und die für die Praxis und damit für die Schweizer Bevölkerung einen direkten Nutzen generieren.

Agroscope

Zwei Stimmen zum Thema Agroscope

22.03.2018 06:56

Zentralisierung heisst das Zauberwort. Bundesrat Johann Schneider-Ammanns Pläne über die Schliessung des landwirtschaftlichen Forschungsstandorts Agroscope in Tänikon stösst vielen sauer auf. Die WN haben zwei Stimmen aus dem Umfeld zum Thema eingeholt.

Tänikon Der Bund will die landwirtschaftliche Forschung von Agroscope im Kanton Freiburg zentralisieren. Das hätte den endgültigen Rückzug aus Tänikon zur Folge. Über 100 Arbeitsplätze in der Aadorfer Gemeinde wären davon betroffen. Gemeindepräsident Matthias Küng und CVP-Kantonsrat Josef Gemperle nehmen Stellung zu den Abbauplänen des Bundes am Standort Tänikon.

Matthias Küng, mit welchen Gefühlen beobachtet die Gemeinde das Geschehen?

Die kommunizierten Sparpläne des Bundes haben bei uns Kopfschütteln und Besorgnis ausgelöst. Die Art, wie und wann der Bund in diesem Fall kommuniziert, ist nicht gerade ein Vorzeigebeispiel. Die Mitarbeitenden werden unnötig verunsichert und dies in einer Phase, wo neue innovative Projekte am Start sind.

Was wären die Konsequenzen für die Gemeinde bei einer Schliessung der Agroscope in Tänikon?

Es droht der Verlust von Dutzenden hoch qualifizierten Arbeitsplätzen, wir würden einen sehr wichtigen Standortvorteil (nicht nur für die Landwirtschaft) verlieren. Auch raumplanerisch wäre diese Veränderung eine grosse Herausforderung.

Was würde der Wegzug steuertechnisch für die Gemeinde bedeuten? Neben der Firma, die Abgaben leistet, sind ja viele der Arbeitenden in der Gemeinde wohnhaft.

Auch finanziell betrachtet wäre die Schliessung der Agroscope in Tänikon schmerzhaft, wobei dieses Thema für uns nicht an erster Stelle steht.

Wird sich die Gemeinde ebenfalls aktiv gegen die Schliessung wehren?

Ja, wir werden uns zusammen mit Kantons- und Bundesparlamentariern aus der gesamten Ostschweiz gegen die geplante Schliessung wehren. Es geht hier nicht nur um Aadorf bzw. Tänikon, sondern um die gesamte Ostschweiz. In unserer Gegend ist die Landwirtschaft stark vertreten und ein wichtiger Wirtschafts- und Lebensfaktor, was bei der Planung des Bundes stark gewichtet werden sollte.

Die Parzellen gehören ja dem Bund. Bei einem Wegzug könnte er diese allenfalls veräussern. Macht man sich bereits Gedanken über das, was danach kommt?

Nein, dazu ist es heute noch zu früh. Zudem besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Kanton Thurgau, welcher die Grundstücke nutzt. Ein allfälliger Verkauf müsste noch eine grosse Anzahl Hürden nehmen und ist nicht so einfach umzusetzen.

Josef Gemperle, was wären die Konsequenzen bei einer Schliessung?

Soweit darf es gar nicht kommen. Das wäre ein katastrophales Zeichen, darunter würde das bereits angeschlagene Vertrauen in die Politik und insbesondere das Vertrauen in unsere Landesbehörde enorm leiden. Der Bundesrat unterzeichnete erst vor wenigen Monaten mit der Thurgauer Regierung einen Vertrag. Darin verpflichtete er sich, in den nächsten Jahren 10 Mio. in die Erneuerung des Standortes Tänikon zu investieren und 100 Forschungsarbeitsplätze zu erhalten. Im Gegenzug verpflichtete sich die Thurgauer Regierung ebenfalls zu einem zukunftsträchtigen gemeinsamen und praxisnahen Engagement.  Der Thurgau hält sich an die Abmachungen und holt auch private Investoren in das gemeinsame Boot. Er stellt sicher, dass endlich der Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis funktioniert. Mit der Swiss Future Farm gehen Privatwirtschaft und der Kanton Thurgau (Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg) am Agroscope-Standort Tänikon in den Bereichen Bildung, Wissensvermittlung und Entwicklung für die Landwirtschaft neue Wege. Und nun erfährt die Thurgauer Regierung via Medienmitteilung, dass eine neue Umstrukturierung – die fünfte innert nur 20 Jahren – ansteht. Auf unsere Nachfrage gibt sich die Regierung dann zuversichtlich, dass das Vertragswerk der Restrukturierung standhält, um nur wenig später via Pressesprecher des BLW in den Medien zu erfahren, dass Verträge auch gekündigt werden können. Verträge notabene, die erst vor wenigen Monaten unterzeichnet wurden. Wenn eine Privatperson so handeln würde, würde man das niemals zulassen, unsere oberste Landesbehörde aber macht genau dies.

Wie kann man sich nun gegen diese Schliessung wehren?

Die ganze Ostschweiz muss hier zusammenstehen und diese Schliessung muss definitiv verhindert werden. Sie macht keinen Sinn, weder aus finanziellen, schon gar nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Aus regionaler Sicht sind der Abzug der gesamten Forschungsarbeitsplätze ausschliesslich in die Romandie und dieser Vertragsbruch völlig inakzeptabel. Die Land- und Ernährungswirtschaft ist im Thurgau und in der Ostschweiz tief verankert und überproportional stark. So erwirtschaftet der Kanton Thurgau allein fast 10 Prozent der Bruttowertschöpfung der Schweiz im Primärsektor. Der Thurgau ist insbesondere auch ein führender Kanton, wenn es um die Produktion von Nahrungsmitteln geht. Zur Ernährungswirtschaft zählen zahlreiche gewerbliche Betriebe, sowie namhafte Verarbeitungsbetriebe. Die Thurgauer Ernährungswirtschaft verfügt über viele starke Marken. Jeder zweite Liter Schweizer Apfelsaft und jeder dritte Schweizer Tafelapfel stammt von Obstbäumen aus dem TG. Die Liste kann beliebig erweitert werden. Ich erwarte, dass alle Ostschweizer Regierungen den Kampf der Thurgauer Regierung unterstützen, ich erwarte, dass alle Ostschweizer Bundesparlamentarier unsere Thurgauer National- und Ständeräte in ihrem Kampf unterstützen und ich bin zuversichtlich, dass unser Thurgauer Kantonsparlament unsere dringliche Interpellation zu 100% mittragen wird. Die Ostschweizer Wirtschaftsverbände, allen voran die Landwirtschaftsverbände müssen diesen Aufstand mittragen und gemeinsam ein Zeichen setzen. Forschung, erfolgreich betrieben, das bedeutet Innovation. Innovationen brauchen alle Unternehmer, auch die Landwirte. Wir werden wohl ebenfalls noch eine Volkspetition starten, um auch das Volk in unseren Aufstand miteinzubeziehen.

Was würde die Schliessung für die Zukunft von «Swiss Future Farm» und den Emissionsversuchsstall bedeuten?

Man wird hier wohl zuerst einmal beschwichtigen und sagen, das würde noch etwas weitergeführt. Aber seien wir ehrlich, Forschung ist in erster Linie Bundesaufgabe, die Kantone können zwar kurzzeitig in die Bresche springen, aber sicher nicht über längere Zeit. Auch alle noch verbleibenden Engagements werden mit Sicherheit bald verlagert. Dafür gibt es genügend Anschauungsunterricht aus vergangenen Jahren. Eine gute, praxisnahe und erfolgreiche Forschung braucht topmotiviertes und gut ausgebildetes Personal, das Bestleistungen erbringt, Innovationen hervorbringt und Lösungen für die Probleme der Gegenwart in den verschiedensten Praxisbereichen erarbeitet. Um das zu ermöglichen sind Sicherheit und Kontinuität gefragt. Diese guten Rahmenbedingungen müssen der Bundesrat und die Standortkantone gemeinsam garantieren und so den Forschern Bestleistungen ermöglichen. Aber genau daran hat es schon in den letzten Jahren gefehlt. Fünf Umstrukturierungen in nur 20 Jahren, das nenne ich chaotisch. Unter diesen Bedingungen kann nichts Gutes entstehen, können schon gar nicht Spitzenleistungen gedeihen.

Warum wäre der Wegzug der Agroscope schlimm, abgesehen der 100 Jobs?

Es zeigt einfach auf, dass eine konzeptlose Politik gemacht wird im Bundesamt für Landwirtschaft. Das Bundesamt ist nicht mehr für die Landwirtschaft da. Das ist schlimm! Wir brauchen Wissenstransfer und direkte Forschungsanwendung auf dem kürzest möglichen Weg. Das ist möglich, über Jahre hat das die ehemalige Forschungsanstalt aufgezeigt. Tänikon war lange die Forschungsanstalt mit einer praxisorientierten, enorm anwenderfreundlichen Forschung für die Schweizer Landwirtschaft! Ich erinnere mich genau, keine neue Maschine wurde gekauft, keine neue Einrichtung wurde angeschafft, ohne vorher den entsprechenden FAT- Bericht zu studieren oder die Fachvorträge der FAT- Leute zu besuchen. Diese praxisorientierte, sprich angewandte Forschung war ein echter Gewinn für die Schweizer Landwirtschaft in dieser Zeit des grossen Umschwunges. Es wurde auch in neuen Feldern geforscht und entwickelt und es wurden dabei wichtige Innovationen zu Stande gebracht und wegweisende Erkenntnisse gewonnen. Ich erinnere an die Versuche betreffend Biogasanlagen, die Forschung zur energieeffizienten Heutrocknung mit Solardächern, die vielen erfolgreichen neuen Sortenzüchtungen, die Studien zur Steigerung der Stromeffizienz und vieles mehr.

Ist eine Zentralisierung der Forschung nicht ein Vorteil betreffend Ressourcennutzung und Wissensbündelung?

Das sind theoretische Phrasen, weit ab von der Praxis! Wir brauchen wieder Forschungsaufträge, die von der Praxis in Auftrag gegeben werden und die für die Praxis und damit für die Schweizer Bevölkerung einen direkten Nutzen generieren. Ist es nicht eine Verschleuderung von Staatsgeldern, wenn der Kanton Freiburg für 65.8 Mio. investiert und der Bund dann für 25 Jahre mietet? Laufende Investitionen oder erst kürzlich getätigte schon jetzt überflüssig werden und dafür nochmals zusätzliche Bauten in Posieux erstellt werden müssen. Gleichzeitig aber die Bauten in Tänikon nach wie vor vom Bund unterhalten werden müssen? Was hat das mit Sparen zu tun? Ist es nicht eine Verschleuderung von Wissen und personellen Ressourcen, wenn insgesamt fast 600 Stellen von der Deutschschweiz in die Romandie gezügelt werden, im vollen Wissen, dass nicht einmal 10% der Mitarbeitenden den verlagerten Stellen folgen werden. Das sind theoretische Phrasen, ohne wirklichen Inhalt, ohne Bezug zur Praxis, ohne Nutzen für die Bevölkerung. Die nächste Reorganisation ist bereits absehbar und auch diese Reform wird scheitern, wenn nicht das Übel an der Wurzel, sprich beim Bundesamt ansetzt.

Michael Anderegg