22.07.2013 / Allgemein / /

«Es war eine Überraschung»

Gemperle: Vielleicht kann es jetzt eine Verzögerung geben. Die Frage ist, wie es in St. Gallen weitergeht. Wenn das Projekt dort doch noch erfolgreich zum Abschluss geführt wird, sieht es wieder anders aus. Ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, dass wir alle Arten von erneuerbaren Energien brauchen, um die Energiewende zu schaffen, auch die Geothermie.

Nach dem Erdstoss, den die St. Galler Geothermie-Bohrung auslöste, warnt Josef Gemperle, Präsident des Vereins Geothermie Thurgau, vor voreiligen Schlüssen für die Thurgauer Projekte.

Herr Gemperle, glauben Sie nach der Hiobsbotschaft aus St. Gallen, dass die Nutzung der Geothermie in grossem Stil noch Zukunft hat?

Josef Gemperle: Was in St. Gallen geschehen ist, ist sicher nicht förderlich für andere anstehende Geothermieprojekte. Jetzt muss aber zuerst analysiert werden, was genau passiert ist. Schlussfolgerungen kann man erst ziehen, wenn genaue Angaben vorliegen, was abgelaufen ist.
Wie schätzen Sie den Vorfall nach bisherigen Informationen ein?

Gemperle: Die uns bisher vorliegenden Informationen besagen, dass in der Bohrung ein tiefbohrtechnisches Problem, das durch einen Erdgaszutritt verursacht wurde, kompetent und unter Einhaltung der Sicherheitsanforderungen beherrscht wurde. Ein derartiges Ereignis kann bei Tiefbohrungen, die in gasführende Formationen bohren, auftreten. Wichtig ist aber auch, dass damit ein Indiz für die Fündigkeit der St. Galler Bohrung vorliegt. Wenn es Schlüsse zu ziehen gibt, müssen sie aber gezogen werden.
Beunruhigend ist, dass die in St. Gallen angewendete Methode als sicher gilt – im Gegensatz zu jener in Basel. Haben Sie damit gerechnet, dass es in St. Gallen trotzdem ein solches Beben geben kann?

Gemperle: Nein, sicher nicht. Es wurde immer kommuniziert, dass es eine sichere Methode ist, bei der nur sehr geringe seismische Auswirkungen zu erwarten sein werden. In Deutschland gibt es viele erfolgreiche Bohrungen, bei denen allerdings vereinzelt auch induzierte Seismizität auftrat.
Muss man bei solchen Technologien nicht immer damit rechnen, dass etwas passieren kann?

Gemperle: Man kann nie alles bis ins letzte Detail ausschliessen. Auch die gängigen Technologien zur Energiegewinnung sind nicht gefahrlos. Die negativen Auswirkungen des CO2-Ausstosses zum Beispiel sind x-mal grösser. Dasselbe gilt für die schädlichen Folgen des Abbaus von Uran für die Atomkraftwerke. Geothermie ist aber etwas Neues. Jetzt ist die Gefahr gross, dass es eine Überreaktion gibt.
Erste kritische Stimmen sagen bereits, dass die Geothermie am Ende ist. Auch Ihr Thurgauer Verein dürfte jetzt im Gegenwind stehen.

Gemperle: Ziel unseres Vereins ist es, die Bevölkerung offen zu informieren. Das ist jetzt nötiger denn je. Zu sagen, die Geothermie sei am Ende, wäre aber völlig falsch. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir im Thurgau mit der Bohrung in Schlattingen und der ältern in Kreuzlingen schon zwei erfolgreiche Geothermieprojekte haben.
Das Beben in St. Gallen hat die Leute auch im Thurgau verunsichert. Wie wollen Sie das Vertrauen der Bevölkerung für die Geothermie wiedergewinnen?

Gemperle: Es gibt nur eins: offen informieren. Ich nehme den Vorfall ernst. Aber ich warne davor, voreilige Schlüsse zu ziehen. Man muss das Verhältnis wahren. Es hat meines Wissens in St. Gallen keine Schäden gegeben. Ich will aber nicht bagatellisieren. Der Stop des Projekts in St. Gallen ist richtig. Man muss nüchtern anschauen, was passiert ist, ob Schäden aufgetreten sind und was die Alternativen sind.
Im Thurgau gibt es zwei konkrete Projekte für Geothermie. Das eine von EKT und Axpo im Oberthurgau und das andere von der Basler Firma Geo Energie Suisse in Etzwilen. Was empfehlen Sie diesen Firmen?

Gemperle: Sie müssen genau analysieren, was in St. Gallen geschehen ist. Im Oberthurgau sind noch nicht einmal die seismischen Messungen gemacht worden. Selbst wenn das EKT am Schluss nicht bohren würde, wären diese Messungen aber wichtig. Ein Problem ist ja, dass man den Untergrund zu wenig kennt.
Rechnen Sie mit Verzögerungen für die Thurgauer Projekte?

Gemperle: Vielleicht kann es jetzt eine Verzögerung geben. Die Frage ist, wie es in St. Gallen weitergeht. Wenn das Projekt dort doch noch erfolgreich zum Abschluss geführt wird, sieht es wieder anders aus. Ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, dass wir alle Arten von erneuerbaren Energien brauchen, um die Energiewende zu schaffen, auch die Geothermie.
Müsste der Kanton bei seinem Geothermiekonzept jetzt nicht der Erdbebengefahr grösseren Platz einräumen?

Gemperle: Es ist sicher wichtig, dass man das auch anschaut. Die im Konzept vorgesehenen Massnahmen sind aber nach wie vor richtig.

Interview: Christof Widmer