12.12.2012 / Allgemein / /

Das energiepolitische Gewissen

Josef Gemperle packt an, wenn er ein Problem erkennt. Grossen Handlungsbedarf sieht er bei der Energiepolitik des Bundes.

In der kantonalen Energiepolitik hat keiner so viel erreicht wie CVP-Kantonsrat Josef Gemperle. Seinen Kritikern wird er langsam zu militant. Gemperle selber sieht sich eher als Frühwarnsystem.

«Ziehen Sie ja die Schuhe nicht aus», sagt Josef Gemperle und führt den Gast in die warme Stube. Dort stehen zwei Tassen Kaffee bereit und ein Teller mit Weihnachtsgebäck. Draussen peitscht der Wind die Schneeflocken durch die Luft, sie vollführen einen irrwitzigen Tanz. Alles ist weiss in Buhwil, die Sicht reicht nur wenige Meter weit. Kein Wetter für Josef Gemperle. Vor allem Nebel könne er nicht ausstehen, sagt er überraschend heftig. Josef Gemperle braucht die Sonne – nicht nur, um auf seinen Dächern Strom zu produzieren, sondern auch für sein Gemüt. Wenn sie scheint, liebt er es, mit seiner Frau auf das Hörnli zu wandern. Zeit für solche Ausflüge habe er jedes zweite Wochenende – dank der Hofgemeinschaft, die er mit seinem Nachbarn führt. Gemeinsam haben sie einen Laufstall für 80 Kühe und viele Kälber gebaut.

Gemperle ist Milchbauer. Seinen Hof führt er in vierter Generation. Für ihn sei immer klar gewesen, dass er den Hof übernehme. Obwohl die Arbeit des Landwirts anspruchsvoll sei, brauche er eine weitere Herausforderung. Die fand der Vater von vier Kindern als Kirchenpräsident, als er das scheinbar Unmögliche schaffte und zusammen mit Gleichgesinnten fast zwei Mio. Franken an Spenden für die acht Mio. Franken teure Renovation der Klosterkirche auftrieb. Und er findet sie jetzt als energiepolitisches Gewissen des Kantons.
Energie-Initiative durchgeboxt

Um diese Funktion wahrnehmen zu können, habe er erst einmal viel Überzeugungsarbeit in der eigenen Partei leisten müssen. Seine Nachbarin hatte ihn in die CVP geholt. «Jetzt steht die Fraktion bei Energiefragen wie ein Mann hinter mir.» Im Jahr 2011 boxte Gemperle zusammen mit seinen Mitstreitern die Verankerung des Energieförderprogramms in der Verfassung durch. Die SVP, die wählerstärkste Partei des Kantons, hatte sich dagegen ausgesprochen, ebenso der Gewerbeverband. Dennoch scheute Gemperle nicht davor zurück, vors Volk zu gehen. Erfahrene Politiker rieten ihm von diesem steinigen Weg ab. Doch für Gemperle war kein Halten. «Es war tatsächlich sehr, sehr viel Arbeit. Wir standen bei jedem Wetter auf der Strasse und haben Unterschriften gesammelt.» Der Erfolg entschädigte ihn schliesslich für die Strapazen: Fast 85 Prozent der Abstimmenden hiessen die Volksinitiative «Ja zu effizienter und erneuerbarer Energie – natürlich Thurgau» gut. Jetzt wacht Gemperle mit Argusaugen darüber, dass der Kanton nicht von diesem Kurs abweicht. «Dazu gehört auch, ein Frühwarnsystem aufzubauen. Man muss sofort Gegendruck aufbauen, wenn die Politik nachlässig wird.»
«Nahezu katholische Militanz»

Einigen Kantonsräten sind Gemperles engagierte Voten – zum Beispiel jene am letzten Mittwoch, als er fürchtete, der Energiefonds könnte schmelzen – oder seine hartnäckigen Mails vor Abstimmungen zu viel des Guten. Sie kritisieren seine «nahezu katholische Militanz», die auch kontraproduktiv wirken könne, wie etwa SVP-Kantonsrat Urs Martin sagt. Martin wird zuweilen als Gemperles Gegenspieler wahrgenommen, da er energiepolitisch häufig einen anderen Standpunkt vertritt. «Auf die Unterstützung meiner Fraktion und von linksgrün kann ich zählen. Doch bei den Bürgerlichen muss ich jedes Mal aufs neue um jede Stimme kämpfen», sagt Gemperle.

Josef Gemperle ist das Gesicht einer fortschrittlichen Energiepolitik, die weit über die Kantonsgrenzen hinaus Beachtung findet. Bundesrätin Doris Leuthard habe ihm direkt nach dem Erfolg mit der Energie-Initiative ein Mail geschrieben und ihm für sein Engagement gedankt, erzählt Gemperle. Über Brigitte Häberli konnte er auch schon Vorstösse im eidgenössischen Parlament plazieren. Die Grünen sähen ihn gerne in ihren Reihen. «Warum ist der eigentlich nicht bei uns?», fragte einmal eine junge Kantonsrätin der Grünen an einer Jahresversammlung. «Das ist schon gut so», antwortete ihr ein Parteistratege, «dort drüben kann er viel in unserem Sinne bewirken.»
Der Gülle-Aufstand

Kantonalpolitiker attestieren Gemperle gute Fachkenntnisse. Wenn er sich zu Wort melde, dann wisse er, wovon er rede, heisst es. Viele sehen in ihm allerdings einen Politiker mit nur einem Thema, das zufällig den Zeitgeist treffe. Diese Einschätzung greift wohl zu wenig weit. Eben erst hat er einen Vorstoss eingereicht, der die Abschaffung der ergänzenden Vermögenssteuer verlangt und Ideen zur Organisation des Grossen Rates eingebracht. «Ich engagiere mich dort, wo ich es als nötig erachte», sagt Gemperle. Das sei so gewesen, als es um die Restaurierung der Klosterkirche ging oder als er einen Aufstand initiierte, damit die Bauern das Recht behielten, selber zu entscheiden, wann sie ihre Gülle austragen wollen. Und als er 2004 in den Grossen Rat eintrat, habe er sofort gesehen, dass die Energiepolitik eine Katastrophe sei. «Ich konnte nicht anders, ich musste handeln.» Grossen Bedarf, was die Energiepolitik anbelange, sehe er auch in Bern. Ob er nochmals für den Nationalrat kandidieren werde, möchte er offenlassen. Zugleich lässt er aber auch keinen Zweifel daran, dass er dieses Amt sehr gerne ausführen würde.