03.08.2015 / Allgemein / /

Glück oder Gemperle – Die TZ zu den Wahlen

Diese Schlagzeile in der Thurgauer Zeitung hat mich sehr gefreut! Herzlichen Dank.

 

Parteien vor der Wahl (8/9): Laut dem Co-Präsidenten der Thurgauer Grünliberalen Stefan Leuthold kann seine Partei ihren Nationalratssitz mit ein bisschen Glück retten. Sollte ihn stattdessen CVP-Kandidat Josef Gemperle gewinnen, wäre das nicht so schlimm für ihn.

THOMAS WUNDERLIN

Herr Leuthold, hat sich Josef Gemperle bereits bei Ihnen bedankt?

Stefan Leuthold: Nein, das ist noch ausstehend.

Möglicherweise verhelfen die Grünliberalen der CVP zu einem zweiten Nationalratssitz. Gemperle, der zur Zeit erster Ersatz auf der CVP-Liste ist, könnte davon profitieren.

Leuthold: Das steht noch nirgends geschrieben. Wir sind die Listenverbindung mit CVP-FDP-BDP-EVP eingegangen, um den Sitz unseres Nationalrats Thomas Böhni zu sichern. Mit ein bisschen Glück können wir es schaffen.

Sie arbeiten mit Gemperle im Komitee der Kulturland-Initiative zusammen.

Leuthold: Er steht uns recht nahe mit seinen Ideen, er ist fast eher ein Grünliberaler als ein CVPler. In diesem Sinn wäre es nicht das Schlimmste, wenn er gewählt würde.

Gemperle ist Landwirt. Unterstützt man auch die Landwirtschaft, wenn man grünliberal wählt? Als Liberale müssten Sie dagegen Vorbehalte haben.

Leuthold: Wir möchten eine nachhaltige Landwirtschaft. Eine umweltverträgliche Landwirtschaft, die mit dem Boden haushälterisch umgeht. Es ist sinnvoll, wenn die Schweiz einen hohen Grad an Eigenversorgung hat, damit wir nicht zu stark vom Ausland abhängig sind.

Die GLP hat lange zugewartet mit dem Entscheid der Listenverbindung. Haben Sie eine Gegenleistung bekommen, allenfalls in einem andern Kanton?

Leuthold: Das müssten Sie die GLP Schweiz fragen. Ich weiss es nicht.

Haben Sie im Thurgau selber entschieden?

Leuthold: Wir haben gemeinsam entschieden. Zuerst haben wir gesagt, welche Optionen wir haben und welche wir favorisieren. Dann haben wir irgendwann grünes Licht bekommen.

Sie haben kürzlich ein Jahr lang auf einem Bio-Bauernhof in Lustdorf gearbeitet. Haben Sie da

nicht die Erkenntnis gewonnen, dass innovative Landwirte in einem marktwirtschaftlichen Umfeld eine Chance haben?

Leuthold: Sie haben diese Chance, müssen aber eine Nische finden und über einen zuverlässigen Absatzmarkt verfügen. Der Konsument ist manchmal unberechenbar, oft sehr launisch und sprunghaft mit seinen Vorlieben. Ein Landwirtschaftsbetrieb ist nicht von einem Jahr zum andern auf Bio umgestellt. Und wenn er es dann ist, muss er es eine Weile bleiben.

Wie finanzieren Sie den Wahlkampf? Zahlen Ihre 130 Mitglieder dafür?

Leuthold: Wir sind nicht fremdfinanziert. Auch auf nationaler Ebene sind wir die sparsamste Partei. Unser Budget beträgt 65 000 Franken für die Nationalratswahlen im Thurgau. Das stammt fast ausschliesslich von den Kandidaten und Kandidatinnen. Ein kleiner Beitrag kommt von der Kantonalpartei. Firmenspenden sind keine dabei; das bringt uns Unabhängigkeit und schafft Transparenz bezüglich unserer Interessen.

Die fünf Grünliberalen im Grossen Rat haben sich der CVP-Fraktion angeschlossen. Die fünf BDP-Kantonsräte bilden eine eigene Fraktion, weshalb sie sich viel intensiver engagieren müssen. Der BDP-Präsident verspottet Nationalratskandidaten, die im Grossen Rat kaum je das Wort ergreifen. Hat er die GLP gemeint?

Leuthold: Das ist möglich. Die BDP ist sehr fleissig. Im Grossen Rat hat sie praktisch zu jedem Thema etwas zu sagen. Manchmal ist es nicht extrem relevant. Wir haben den Vorteil, dass wir in der Fraktionsgemeinschaft Informationen aus erster Hand aus dem Regierungsrat bekommen. In gewissen Fragen können wir jemanden von der CVP sprechen lassen, der versierter bei einem bestimmten Thema ist. Wir müssen nicht zu allem etwas sagen. Wir sind manchmal gute Zuhörer, das ist auch eine Qualität.

Ende 2013 ist Jürg Wiesli als kantonaler GLP-Präsident zurückgetreten und der SVP beigetreten. Wie konnte es dazu kommen, dass die GLP jemanden zum Präsidenten wählte, der offensichtlich kaum liberale Positionen vertritt?

Leuthold: Die GLP war auf nationaler Ebene nicht immer so gesellschaftsliberal, wie sie geworden ist. Unser Wählersegment ist jung und urban, häufig auch weiblich – wir haben viele Sympathisantinnen. Wir haben die gesellschaftsliberale Position in den letzten vier Jahren aufgebaut. Jürg Wiesli konnte sich nicht damit anfreunden. Das bewog ihn zum Austritt.

Wozu braucht es die Grünliberalen noch? Grün sind auch andere. Auch Liberale gibt es sonst noch.

Leuthold: Bei uns stehen alle für eine liberale Wirtschaftsordnung ein. Aber gleichzeitig soll das Wirtschaften umweltschonend und sozial sein. Wir wollen Cleantech. Fossile Energien sind mittel- und langfristig am Versiegen, das Gleiche gilt für die Atomenergie. Wir müssen den Ausstieg so gestalten, dass er für die KMU verträglich ist. Wir sind als wohlhabende Industrienation auch verpflichtet, unsern Beitrag gegen die Klimaerwärmung zu leisten. Wir sollten aktiver werden als wir es schon sind und Leute nach Bern schicken, die mit der Energiewende vorwärts machen möchten. Das ist das Gefährliche etwa bei Parteien, die jetzt im Aufwärtstrend liegen, etwa bei der FDP, die diese Werte nicht vertritt.

Die Grünliberalen haben eine starke Beziehung zur Solarbranche. Sie und Thomas Böhni sind in diesem Bereich tätig. Doch die Förderung der Solarenergie hat dazu geführt, dass die ebenfalls erneuerbare Wasserkraft unrentabel geworden ist. Ein Widerspruch?

Leuthold: Nicht zwingend. Die Energiewende ist ein Zusammensetzspiel. Es braucht alle Teile. Auch Wind und allenfalls Geothermie.