01.07.2015 / Allgemein / /

Langzeitpflege: Schaffen wir Raum für gute und menschenfreundliche Lösungen im Alter

Stellen wir uns dieser neuen Herausforderung und schaffen wir Raum für gute und menschenfreundliche Lösungen.

Interpellation Edith Wohlfender, Christa Kaufmann und Josef Gemperle heute im Grossen Rat „Versorgungssicherheit in der stationären Langzeitpflege“

Herr Präsident, geschätzte Kolleginnen, geschätzte Kollegen

Votum Josef Gemperle

Das vom Regierungsrat 2014 überraschend in Kraft gesetzte Moratorium betreffend neuer Pflegeheimplätze hat uns veranlasst, die Interpellation einzureichen. Die kritischen Fragen sind berechtigt. Darf, soll der Regierungsrat einen Bettenstop verordnen? Darf, soll der Regierungsrat beispielsweise den Gemeinden Fischingen und Bichelsee/Balterswil – zwei Gemeinden mit zusammen immerhin über 5000 Einwohnern – den Bau von Pflegeheimplätzen per Dekret verbieten und damit den pflegebedürftigen Menschen im hohen Alter noch einen Wechsel vom vertrauten Umfeld in der eigenen Gemeinde zumuten? Diese durch den Regierungsrat und sein Moratorium geschaffene Ausgangslage – finde ich – entspreche nicht optimal einer vorbildlichen Pflege und Fürsorge für unsere auf Hilfe angewiesenen Menschen.

Ich hinterfrage auch, ob der angestrebte Effekt einer Kostenreduktion durch ein Moratorium erreicht werden kann. Je knapper das Angebot desto höher die Preise, mindestens lehren uns das die Vertreter der Wirtschaft. Umgekehrt müsste ein grösseres Angebot an Pflegeheimplätzen in der Tendenz zu eher tieferen Preisen führen.  Gelten diese sonst hochgelobten  Grundsätze hier nicht und warum nicht? Persönlich bin ich der Ansicht, dass das Tiefhalten des Pflegebettenangebots für die Heime keinen Anreiz schafft, wirtschaftlich zu arbeiten, denn die knappen Plätze können fast zu jedem Preis gefüllt werden. Eine Öffnung des Marktes würde die Heime zwingen, die besten Leistungen zum besten Preis zu erbringen.

Ambulant vor stationär kontra Ambulant und stationär:

Der Regierungsrat und das Amt für Gesundheit agieren nach wie vor nach dem Grundsatz „ambulant vor stationär“. Curaviva TG setzt sich schon seit längerem dafür ein, diesen Grundsatz umzuwandeln in „ambulant mit stationär“.

Aus gesamtschweizerischen Studien (z.B. Studie des Büro Bass vom Spitex-Verband Schweiz) weiss man, dass die Pflegekosten etwa ab Pflegestufe 4 (61 Pflegeminuten und mehr) sich zu Gunsten der stationären Pflege verschieben. Und die Entwicklung zeigt, dass die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Pflege immer durchlässiger werden. Die Zusammenarbeit von ambulanter und stationärer Pflege müsste meines Erachtens viel stärker gefördert und administrative Hürden in diesem Bereich abgebaut werden.

 

Bewohner mit „leichter“ Pflegebedürftigkeit:

Es mag sein, dass es in den Heimen Bewohner mit relativ tiefen Pflegestufen hat. Festzuhalten ist aber, dass die allerwenigsten freiwillig, spontan und „mit wehenden Fahnen“ in ein Pflegeheim eintreten, so nach dem Motto: “Endlich kann ich ins Pflegeheim!“

Tatsache ist, dass die Pflegeeinstufung nur etwas über die medizinische Behandlungsintensität aussagt. Soziale Aspekte wie die familiäre Situation, Vereinsamung, nachbarschaftliche Unterstützung etc. werden dabei nicht berücksichtigt.

Ausserdem ist es so, dass die Demenz mittlerweile einer der Hauptgründe für den Eintritt in ein Pflegeheim darstellt. Zwei Drittel der Thurgauer Heimbewohner leiden an einer Demenz! Mit den heutigen Pflegebedarfserfassungsinstrumenten werden aber die kognitiven Einschränkungen (Gedächtnisstörungen

Denkstörungen) nur ungenügend erfasst. Viele dements-erkrankte Bewohnerinnen und Bewohner sind deshalb in tiefen Pflegestufen, können aber wegen ihrer Krankheit nicht mehr selbständig zu Hause leben.

Jüngere Pflegebedürftige:

Für pflegebedürftige Menschen unter 65 Jahren (z.B. mit MS, Parkinson, ALS (Erkrankungen des Nervensystems), Alkohol-Demenz, etc.) gibt es meines Wissens im Thurgau kein passendes Angebot. Dies unterstreicht auch die Antwort des RR wonach 152 solche Menschen in Alters- und Pflegeheimen leben. Sie sind dort aber umgeben von Menschen, die im Durchschnitt 87(!) Jahre alt sind. Die Bedürfnisse dieser Bewohnergruppe und das klassische Angebot in einem Pflegeheim klaffen oft weit auseinander: Welcher 49-jährige ALS-Patient geht mit 91-jährigen Bewohnerinnen ins Basteln?

 

Zurzeit gibt es auch Bestrebungen in Richtung „Alterswohnen mit Dienstleistungen“, respektive „Betreutes Wohnen“.

Thurvita AG in Wil plant offensichtlich sogar, Pflegezimmer abzubauen über die nächsten Jahre. Dafür soll vermehrt Wohnraum mit Dienstleistungen geschaffen werden. Das heisst, die Wohnungen werden von mehreren neu zu schaffenden Stützpunkten aus betreut. Dadurch erhofft man sich, dass die Pflegekosten gesenkt werden können. Nur darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass grosse Investitionskosten anfallen.

Die Zukunft wird zeigen, ob diese Rechnung aufgeht?

Laut den Spitex Richtlinien des Kantons Thurgau, in Kraft gesetzt am 1. Juli 2014, steigen die Anforderungen an die Spitex-Organisationen einmal mehr an. Vor allem kleinere Organisationen sind gezwungen, eine Zusammenarbeit mit anderen Organisationen aufzugleisen. Insider befürchten, dass mit jedem Zusammenschluss auch die Kosten für die öffentliche Hand steigen.

Heute werden rund 350’000 Schweizerinnen und Schweizer in Pflegeheimen oder von der Spitex betreut. In 25 Jahren dürften es allein in Pflegeheimen über 100 Prozent mehr sein. Mit über 800’000 Pflegebedürftigen bis 2040 wird in einer neuen Studie von Credit Suisse gerechnet.

Stellen wir uns dieser neuen Herausforderung und schaffen wir Raum für gute und menschenfreundliche Lösungen. Vielen Dank!