25.01.2017 / Klima- und Energiepolitik / /

Das Haus als Kraftwerk

Herzliche Gratulation an Giuseppe Fent für seine Innovationen! Auch er engagiert sich im Co- Präsidium Ja zur Thurgauer Kulturlandschaft

ARCHITEKTUR ⋅ Der Solararchitekt Giuseppe Fent baut Häuser, die mehr Energie liefern als sie verbrauchen. Er sagt, Häuser sollten nicht mehr nur zum Wohnen da sein, sondern auch dem Klimawandel Rechnung tragen.

Bruno Knellwolf

Bild könnte enthalten: Himmel, Haus, Wolken und im Freien

Giuseppe Fent baut nicht einfach irgendwelche Häuser. Der Wiler Solararchitekt will mit seiner Arbeit einen Beitrag zum Klimaschutz leisten – und macht das auch. «Wir bauen schon seit zwanzig Jahren energieeffiziente Häuser», sagt Fent, der schon mehrere Solarpreise für seine Bauten erhalten hat. Energieeffizienz reiche aber nicht mehr, der nächste Schritt sei fällig und da müssten die Architekten die Triebfeder sein. Dieser nächste Schritt sei, klimaneutrale Häuser zu bauen. «Wir haben kein Energieproblem, wir haben ein Klimaproblem», sagt Fent.

Die Architektur muss sich nach Fent auf den Klimawandel einstellen und angepasst planen. Die Schweiz ist als Alpenland besonders von der Erderwärmung betroffen. Seit Beginn der systematischen Messungen im Jahr 1864 sind in der Schweiz die durchschnittlichen Temperaturen um 1,9 Grad gestiegen. Um die angestrebten Klimaziele zu erreichen, müssen die Gebäude bis 2030 die CO2-Emissionen um 66 Prozent senken. In der Schweiz verursachen Gebäude heute rund einen Drittel der nationalen CO2-Emissionen.

Mehr Energie erzeugen als verbrauchen

Doch die Häuser sollen nicht nur wenig Energie verbrauchen, sie sollen aktiv Energie gewinnen – zu Kraftwerken werden. Oder Energie in einem Speicher sammeln, um diese im richtigen Moment nutzen zu können. Plus-Energie-Bauten (PEB) nennt die Schweizer Solaragentur solche Häuser. Ein PEB ist demnach ein optimal gedämmtes Haus, das durch Photovoltaikanlagen und thermische Sonnenkollektoren mehr Energie erzeugt, als es im Jahresdurchschnitt für Heizung, Warmwasser und Strom benötigt.

Durch ein solches neu erstelltes PEB-Doppeleinfamilienhaus führt Giuseppe Fent an der Hofbergstrasse in Wil. «Für dieses Haus haben wir die Technik in den letzten vier Jahren entwickelt und nun umgesetzt», sagt Fent. Dafür arbeitet er mit einem Netzwerk von Ingenieuren und kleinen Unternehmen zusammen «dank dem wir Neues wagen können», sagt Fent.

Eine normale Fassade schütze vor Regen und Kälte, sie könne aber mehr als das. «Auf eine Südfassade treffen dank der Sonne 900 Kilowattstunden pro Quadratmeter und sogar 350 kWh auf die Nordfassade. Das ist enorm viel Energie. Diese eingestrahlte Energie reicht für mehr, als im Haus gebraucht wird», sagt der Architekt. Doch wie diese in der Regel verlorene Energie nutzen?

Fent und sein Team haben dazu eine Solarfassade aus Holz und Glas namens «Lucido» entwickelt. «Lucido» ist zum Ersten eine thermoaktive Fassade aus Massivholz und schützendem Glas. Die Holzkonstruktion schützt gegen Wärmeverlust im Winter und hat eine kühlende Wirkung im Sommer. Denn auf der Massivholzfassade sind horizontale Lamellen angebracht, welche die Fassade beschatten, wenn die Sonne im Sommer hoch steht, womit weniger Wärme eindringt. «Und die flache Wintersonne geht weit in die Fassade hin­ein und heizt darin ein Luftpolster auf, das isoliert.»

Zum erweiterten System gehören Luftspalten in der Holzfassade. Zwischen dem Holz und dem Glas entsteht warme Luft, welche durch die Schlitze dank eines Unterdrucks in den Zimmern ins Hausinnere geführt wird. Im Badzimmer dieses Hauses wird diese Frischluft dann abgesogen und einer Luft-Wasser-Wärmepumpe zugeführt, welche Warmwasser aufbereitet.

Der Clou des Hauses ist aber die integrierte Photovoltaik-Fassadenanlage, die rund ums Haus geht. Die 7,7 Kilowatt starke Anlage nutzt die direkte Sonneneinstrahlung auf der Vorderseite der Panels wie auch auf deren Rückseite, auf die das Sonnenlicht vom Holz reflektiert wird. Zusammen mit der Photovoltaik-anlage auf dem Dach erzeugt das Haus 12400 kWh Strom pro Jahr.

Im Keller wird die Wärmeenergie aus der verbrauchten Frischluft und aus der Erdwärme in 2000 Litern Wasser gespeichert – in einem «intelligenten» Schichtspeichertank. Im Speicher steckt eine Lanze, mit der verschiedene Temperaturschichten im Wasser angesteuert und optimal genutzt werden können.

Solarhäuser sind nicht teuer

Ein Teil des Stromes geht ins Netz, der andere wird in diesem Haus verbraucht werden, wenn die ersten Mieter eingezogen sind. Ziel wäre eine Eigennutzung der Energie von 50 Prozent. Zu diesem Konzept gehört auch, dass die Geräte im Haus so wenig Energie verbrauchen, dass an möglichst vielen Tagen die Solarenergie dafür reicht. «Mein Bestreben ist neben der Ökologie, ein solches System auch wirtschaftlich zu machen», sagt Fent. Solarhäuser seien heute innert kurzer Zeit günstiger als konventionelle Gebäude. Das Gejammer, PlusEnergieBauten seien teuer und rentierten nicht, mag Fent nicht mehr hören.

Generell müsse man heute so viel Holz wie möglich als Baumaterial einsetzen. «Bleibt das Haus dann lange, viele Jahrzehnte, stehen, ist das ein Beitrag zum Klimaschutz», sagt der Architekt. Im Holz wird CO2 gespeichert, ein bestehendes Haus nicht abzubrechen, macht deshalb Sinn. Auch für Sanierungen könne seine multifunktionale Holz-Glas-Fassade eingesetzt werden.