17.02.2016 / Klima- und Energiepolitik / /

Eine erfolgreiche und nachhaltige Energiepolitik muss den Blick auf das Ganze richten

Eine erfolgreiche und nachhaltige Energiepolitik muss den Blick auf das Ganze richten Der Strombereich ist wichtig und er wird in Zukunft immer wichtiger. Dies auch darum, weil mit Elektromotoren einerseits eine sehr viel höhere Effizienz erreicht wird als mit Verbrennungsmotoren und andrerseits, weil wir die nach wie vor mit rund 65% vom gesamten Energieverbrauch von fossiler Energie abhängig sind. Dies ist ein grosses Problem wegen der CO2 Problematik. Aber auch die grosse Abhängigkeit von Staaten wie Russland und der arabischen Staaten ist wenig verheissungsvoll. Mit den Devisen fliesst bei der Bezahlung der fossilen Energien in der Regel auch die Wertschöpfung ins Ausland.

«Jeder von uns kann die Energiezukunft aktiv mitgestalten»

 

Ausgangslage im Bereich Strom

Bundesrat und Parlament haben im Jahr 2011 im Nachgang zur Reaktorkatastrophe von Fukushima einen Grundsatzentscheid für einen schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie gefällt. Demnach sollen die bestehenden fünf Kernkraftwerke am Ende ihrer sicherheitstechnischen Betriebsdauer stillgelegt und nicht durch neue Kernkraftwerke ersetzt werden. Der Nationalrat hat Anfang Dezember 2014 in seiner Debatte zur Energiestrategie 2050 diese Ziele grundsätzlich bestätigt. Der Ständerat hat seine Beratungen im Herbst 2015 aufgenommen. Er will im Unterschied zu Bundesrat und Nationalrat weniger ambitiöse Ausbauziele beim Strom aus erneuerbaren Energien. Der durchschnittliche Stromverbrauch pro Person und Jahr soll jedoch bis 2035 wie vom Bundesrat vorgeschlagen um 43 Prozent sinken. Beim eigentlichen Zankapfel – dem Ausstieg aus der Kernenergie – hat sich im Verlaufe der Debatte aber die Tendenz zum Ausstieg akzentuiert. Grund dafür sind vor allem die zurzeit tiefen Preise im Strombereich, die neue Kernkraftwerke unrentabel machen. Zusätzlich ist die Erkenntnis gereift, dass neue Kernkraftwerke vor dem Volk keine Chancen haben. Der Ausstieg aus der Kernenergie bedeutet eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten. Der Anteil der Kernkraft betrug 2014 38% der Schweizer Stromproduktion. Der Wechsel von einer zentralen Energieversorgung mit Grosskraftwerken zu einer dezentralen Energieversorgung mit Kraftwerken jeder Grössenordnung und einem Energiefluss in beide Richtungen stellt neue Anforderungen an die Netze, an die Speicherkapazitäten sowie an die Steuerung von Produktion und Verbrauch.

 

Eine erfolgreiche und nachhaltige Energiepolitik muss den Blick auf das Ganze richten

Der Strombereich ist wichtig und er wird in Zukunft immer wichtiger. Dies auch darum, weil mit Elektromotoren einerseits eine sehr viel höhere Effizienz erreicht wird als mit Verbrennungsmotoren und andrerseits, weil wir die nach wie vor mit rund 65% vom gesamten Energieverbrauch von fossiler Energie abhängig sind. Dies ist ein grosses Problem wegen der CO2 Problematik. Aber auch die grosse Abhängigkeit von Staaten wie Russland und der arabischen Staaten ist wenig verheissungsvoll. Mit den Devisen fliesst bei der Bezahlung der fossilen Energien in der Regel auch die Wertschöpfung ins Ausland. Und das sind gewaltige Summen, sind doch die Endverbraucherausgaben für fossile Energie in der Schweiz von 17 Mia. im Jahre 2009 auf 20.0 Mia. im Jahr 2014 gestiegen. Zudem ist klar, dass unsere Generation für den Raubbau an den fossilen Energien in die Geschichte eingehen wird. Konsultiert man die Statistik, so wird augenfällig, dass die wenigen Jahrzehnte zwischen 1970 und irgendwo 2040 dazu genutzt wurden, um die in Jahrmillionen entstandenen fossilen Energielagerstätten fast gänzlich aufzubrauchen. Das schlägt auch auf die CO2– Statistik durch, haben sich doch die energiebedingten CO2 Emissionen in den letzten 60 Jahren versechsfacht. Zur atomaren Abhängigkeit im Strombereich gesellt sich also die alles überlagernde fossile Abhängigkeit. Es geht dabei auch um sehr viel Geld! Die Energieausgaben in der Schweiz betrugen 1980 noch 14,7 Mia./Jahr, 2014 bereits 30.2 Mia./Jahr, was fast die Hälfte des Ausgabenbudgets des Bundes ausmacht. Gemäss Gesamtenergiestatistik lag die Auslandabhängigkeit bei der Energieversorgung 2014 bei 77.6%.

 

Eine nachhaltige Energiepolitik schafft regionale Wertschöpfung

Die dezentrale Produktion von erneuerbaren Energien bringt für Randregionen – also z. B. auch für meine Gemeinde Fischingen – neue Möglichkeiten. So bleibt die gesamte Wertschöpfung der produzierten Energie in der Gemeinde. Die Bürger des Kantons Thurgau haben am 15. Mai 2011 ja gesagt zu effizienter und erneuerbarer Energie. Dies indem sie unserer Verfassungsinitiative, die diesen Richtungswechsel forderte,  mit 85% Ja- Anteil zugestimmt haben. Seit meiner Wahl in den Grossen Rat 2004 habe ich mit Unterstützung Gleichgesinnter die Themen Energieeffizienz und erneuerbare Energien intensiv bearbeitet. Trotz teilweise heftiger Gegenwehr ist es uns gelungen, den Kanton Thurgau schweizweit energiepolitisch an die Spitze zu führen. Seit Annahme der Zwillingsinitiativen setzt der Kanton Thurgau konstant Fördermittel ein. 16,5 Millionen Franken hat der Kanton Thurgau zum Beispiel nun im Jahr 2014 für die Energieförderung eingesetzt. Nur Basel-Stadt gibt pro Kopf noch mehr Geld dafür aus. Ist das wirksam? „Der Thurgau setzt den Franken in der Energieförderung am effizientesten ein», sagte erst kürzlich Andrea Paoli, Leiter der Abteilung Energie des Departementes für Inneres und Volkswirtschaft. Mit 810 Kilogramm spart der Thurgau 2014 zudem schweizweit am meisten CO2 pro Person ein. Das ist fast doppelt so viel wie der Schweizer Durchschnitt. 2014 wurden 1`200 Gesuchsteller unterstützt, die in Energieeffizienz oder in erneuerbare Energien investiert haben. Mit dieser Anreizfinanzierung des Kantons werden sechsmal höhere Gesamtinvestitionssummen ausgelöst. Mit dem nachgewiesenen grossen volkswirtschaftlichen Nutzen schliesst sich der Kreis. Jeder von uns kann die Energiezukunft aktiv mitgestalten. Statt dass man Erdöl oder Erdgas importiert, investiert man in Fenster, Wärmedämmungen, neue Beleuchtungen, Solaranlagen, effizientere Maschinen und Produktionsanlagen. Wie auch immer das Geld investiert wird, es bleibt in der Region. 70 Prozent der Aufträge, die durch das Thurgauer Förderprogramm ausgelöst wurden, sind auch an kantonale Firmen vergeben worden. 29 Prozent der Aufträge gingen an Betriebe in einem anderen Kanton und nur 1 Prozent an Firmen im EU-Raum. Unser Förderprogramm bewirkt auch Anreize im Bereich Industrie und Gewerbe. Dort liegt noch sehr viel Potential zur Verbesserung der Energieeffizienz brach. Massnahmen im Effizienzbereich, also bessere Dämmungen, effizientere Fahrzeuge, Beleuchtungen, Maschinen und Geräte, Effizienzprogramme bei Prozessabläufen, sind nicht nur unabdingbar zur Senkung des CO2 Ausstosses und damit zur Erreichung der weltweiten Klimaziele, nein glücklicherweise steigt mit der Umsetzung dieser Massnahmen in der Regel auch die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Und das mit doppeltem Nutzen: Allein die Umsetzung der Massnahmen schafft und erhält Arbeitsplätze. Auch die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der energietechnisch sanierten Unternehmen schafft und sichert einheimische Arbeitsplätze in allen Bereichen der Wirtschaft.

 

Josef Gemperle, Landwirt mit eidgen. Meisterdiplom, ist seit 2004 Mitglied der CVP- Fraktion im Grossen Rat Thurgau. Mitglied der ständigen Rauplanungskommission

  • Präsident Kirchgemeinde Fischingen 1994-2010
  • Präsident und Initiant Restaurierung Klosterkirche Fischingen 1999-2010
  • Initiant und Präsident Initiativkomitee Zwillingsinitiativen „Ja zu effizienter und erneuerbarer Energie – natürlich Thurgau“
  • Beirat KEEST „Kompetenzzentrum Erneuerbare Energien Thurgau“
  • Präsident Verein Geothermie Thurgau
  • Vorstand Solarstrompool Thurgau
  • Präsident OK energy tour
  • seit 2015 Mitglied VR EKT

 

Josef Gemperle hat auf seinem Betrieb zahlreiche Effizienzmassnahmen umgesetzt und produziert Strom und Wärme aus der Sonne und aus Biogas (nur aus Hofdünger, ohne Co- Substrate).