23.08.2019 / Landw. Forschung / /

Die Forschungsarbeitsplätze der Agroscope in Tänikon sind nach wie vor gefährdet!

«Agroscope Standort Tänikon, vom Forschungsstandort zur

Versuchsstation»

Eine Stellungnahme zur Information des WBF vom 21.08.2019

https://www.wbf.admin.ch/wbf/de/home/dokumentation/nsb-news_list.msg-id-76130.html

 

Meine Befürchtungen von Ende 2018 werden mit dieser Medien Mitteilung des WBF einmal mehr bestätigt und es braucht hier nach wie vor ein geschlossenes Auftreten der Ostschweiz, um dieses verordnete «Sterben in Raten» in Tänikon noch zu verhindern! Die Bemühungen von Bundesrat Parmelin mit dem Einbezug der Kantone sind sicher sehr positiv, das gilt es zu würdigen und dafür sind wir dankbar. Eva Reinhard wurde von Bundesrat Johann Schneider-Ammann als Leiterin der Forschungsanstalt Agroscope im März 2018 eingesetzt. Sie gilt als klare Befürworterin der Zentralisierung in Posieux, allenfalls war sie sogar die Architektin dieser unseligen Zentralisierungsidee. Sie sagt im Interview: «Eine engere Vernetzung der klassischen Agrarforschungsdisziplinen ist (mit den rund 1000 Forschenden) also dringend nötig. Diese wird begünstigt, wenn Forschende aus verschiedenen Disziplinen räumlich nahe beieinander sind. Innovation aus Interdisziplinarität entsteht durch Begegnung. Weder das Telefon noch die E-mail können den persönlichen Kontakt übertrumpfen.»
Kein Wort von den neuen digitalen Möglichkeiten mit der weltweiten Vernetzung von Forscherteams an dezentralen Standorten! Solange Reinhard die Fäden zieht, ist der Standort Tänikon in Gefahr!

 

 

Zum bisherigen Ablauf:

Es war einem Zufall zu verdanken, dass die Pläne des Bundesrates zur Zentralisierung der Agrarforschung am Standort Posieux im Kanton Freiburg im Frühling 2018 bekannt geworden waren. Die Auswirkungen des damals angekündigten Entscheides auf den Kanton Thurgau mit dem Abzug sämtlicher Arbeitsplätze nach Posieux sind gravierend, denn der Bund hatte nur wenige Monate zuvor mit dem Kanton Thurgau eine Vereinbarung abgeschlossen, welche den Erhalt der rund 100 Arbeitsplätze am Standort Tänikon zusichert. Ebenso wurden vertraglich Investitionen von 10 Mio. in Tänikon zugesichert.

 

Der Widerstand gegen den chaotischen Schliessungsentscheid wurde in den Standortkantonen organisiert, so auch im Thurgauer Parlament mit einer dringlichen Interpellation, die von 119 von den im Rat 120 Anwesenden unterzeichnet wurde. Im eidgen. Parlament wurden viele Vorstösse eingereicht und mit sehr grossen Mehrheiten überwiesen. Alle forderten einen Marschhalt und eine Grundsatzdiskussion und eine klare Strategie vor einem Entscheid über die Standorte. Sehr aktiv war auch unsere Hinterthurgauer Ständerätin Brigitte Häberli. Der Ständerat sprach sich denn auch Ende September mit 34 zu 9 Stimmen für ihre Motion aus, die verlangt, Agroscope in eine autonome öffentlich-rechtliche Anstalt analog der ETH umzuwandeln und die Zentralisierung zu stoppen.

 

Am 30.11.2018 brüskierte der Bundesrat erneut fast alle Standortkantone und die nationalen und kantonalen Parlamentarier. Bevor die zukünftige Strategie im Parlament und im Austausch mit den Standortkantonen und den involvierten Branchenverbänden endgültig diskutiert und bereinigt wurde, hebelte er mit einem «Grundsatzentscheid zur Standortstrategie» erneut Parlament und die meisten Standortkantone aus. Der Bundesrat übernahm dabei den Vorschlag der Finanzkommission des Nationalrates unter Führung von NR Markus Hausammann zur Zukunft von Agroscope dankbar auf. In seiner Antwort hält der Bundesrat „den Vorschlag für einen zentralen Campus mit einem regionalen Forschungszentrum in der Deutschschweiz, einem weiteren in der Westschweiz und dezentralen Teststationen für vielversprechend“. Weil Schneider Ammann mit der Schaffung des Kompetenzzentrums für die landwirtschaftliche Forschung aus einem zentralen Forschungscampus in Posieux (FR), je einem regionalen Forschungszentrum in Changins (VD) und Reckenholz (ZH) sowie aus dezentralen Versuchsstationen ein bisschen auf die Forderungen einging, hoffte er, der Widerstand reduziert um die Kantone VD und ZH könnte so geschwächt werden, dass dieser Entscheid akzeptiert werden könnte.

Für den Forschungsstandort Tänikon bedeutete dieser Entscheid des Bundesrates aus meiner Sichtnichts Gutes. Meine Stellungnahme dazu im Dezember: «Der Standort des zentralen Campus in Posieux und der beiden regionalen Zentren in Changins sowie Reckenholz wurden festgelegt. Tänikon wird degradiert zur Versuchsstation. Auch die nun vom Bundesrat beschlossene Variante führt aus meiner Sicht zu einer massiven Zentralisierung in Posieux. Ich gehe davon aus, dass der Personalbestand in den Hubs Reckenholz und Changins halbiert wird und dass in Tänikon und Conthey noch wenige Mitarbeitende mit „Feigenblatt-Funktion“ übrigbleiben. Aus Bundessicht sind nämlich diese Versuchsstationen verhältnismässig klein, es könnten konkret noch 15 bis 25 Mitarbeiter in Tänikon verbleiben und nicht 50 wie von der Thurgauer Regierung angenommen. Es steht den Kantonen und anderen möglichen Partnern aber offen, ihrerseits forschungsnahe Aktivitäten an diesen Standorten zu betreiben. Das ist in Tänikon in vorbildlicher Weise ja bereits aufgegleist worden. Die Infrastrukturkosten werden pro Mitarbeiter bei dieser Variante mit den Versuchsstationen, also auch in Tänikon deutlich steigen, da die vorhandene Grundinfrastruktur nur noch von wenigen Leuten genutzt wird. Daher dürfte dies nur ein Zwischenschritt zu einer weiteren Konzentration sein. Ein Sterben in Raten also!»

 

Nun hat also gestern Bundesrat Parmalin gemäss einer Medieninformation den Bundesrat und die Mitarbeitenden von Agroscope orientiert. Die internen Abklärungen seien auf Kurs, die Gespräche und Verhandlungen mit den Kantonen zu den Versuchsstationen bräuchten aber etwas mehr Zeit als ursprünglich geplant. Entsprechend wird der Bundesrat spätestens im 2. Quartal 2020 zu Detailkonzept und Umsetzungsplan einen Entscheid fällen.

 

Einschätzung der Lage nach dem Studium der Medienmitteilung des BLW

Aufschlussreich betreffend Tänikon sind insbesondere die Informationen im Kasten am Schluss der Medieninformation, was meinerseits zu folgender Beurteilung führt:

  • Es findet eine schwergewichtsmässige Verlagerung der Agrarforschung von der Deutschschweiz in die Westschweiz statt. Das ist aus meiner Sicht absolut inakzeptabel!
  • Die heute in Tänikon angesiedelte Agrarökonomie wird nach Posieux verschoben. Das wird zu einem Wissensverlust führen, da viele der in Tänikon in diesem Bereich arbeitenden Mitarbeitenden mit ihren Familien in der Ostschweiz verankert sind und sich jetzt nach Alternativen umsehen werden. Die Monitoringprogramme (z.B. Zentrale Auswertung von Buchhaltungsdaten und Nationale Bodenbeobachtung) und die Nachhaltigkeitsbewertung werden örtlich (bisher Reckenholz und Tänikon, neu Posieux) geografisch noch stärker getrennt von der im Reckenholz angesiedelten Agrarökologie.
  • Es fehlt eine Aussage, was am Standort Tänikon noch stattfindet und ein klares Bekenntnis für Tänikon als Agroscope Forschungsstandort für Smart Farming und zur Nutzung der Synergien mit der Swiss Future Farm. Auch das ist aus meiner Sicht inakzeptabel nach den grossen und zukunftsweisenden Investitionen des Kantons Thurgau und der privaten Partner der Swiss Future Farm. Mit der Verschiebung der Agrarökonomie nach Posieux geht der für die Beurteilung der Praxistauglichkeit wichtige Bezug zur Betriebswirtschaft verloren.
  • Durch die Konzentration der tierbezogenen Forschung in Posieux dürfte auch das Zentrum für tiergerechte Haltung aus Tänikon abgezogen werden. Hier geht der wichtige Bezug zur Smart Farming Forschung einerseits und zur betriebswirtschaftlichen Forschung andererseits verloren.
  • Ein Teil der Pflanzenzüchtung wurde um die Jahrtausendwende von Reckenholz nach Changins verschoben. Jetzt geht es offenbar wieder in die andere Richtung. Dieses Beispiel zeigt, dass also sehr wohl noch Handlungsmöglichkeiten bestünden.
  • Zentraler Forschungscampus Posieux: Posieux setzt seine Schwerpunkte in der tierbezogenen Forschung und der Lebensmittelforschung. Ebenfalls werden hier standortungebundene Aktivitäten und Monitoringprogramme, Nachhaltigkeitsbewertung sowie die Agrarökonomie und die verantwortlichen Stellen für den Vollzug und die Politikberatung weitestgehend konzentriert. Der Campus ist der adressbildende Hauptsitz für die Geschäftsleitung und die Stabsstellen und beherbergt mit den Core Facilities auch den grössten Teil der Laborinfrastrukturen sowie der Forschungstechnologie. Leider bestätigt sich auch hier der Trend in eine Richtung, in Richtung Romandie.
  • MEINE BEFÜRCHTUNGEN VON ENDE 2018 WERDEN MIT DIESER MEDIENMITTEILUNG DES WBF EINMAL MEHR BESTÄTIGT UND ES BRAUCHT HIER ¨NACH WIE VOR EIN GESCHLOSSENES AUFTRETEN DER OSTSCHWEIZ, UM DIESES VERORDNETE STERBEN IN RATEN IN TÄNIKON NOCH ZU VERHINDERN! DIE BEMÜHUNGEN VON BUNDESRAT PARMALIN MIT DEM EINBEZUG DER KANTONE SIND SICHER SEHR POSITIV, DAS GILT ES ZU WÜRDIGEN UND DAFÜR SIND WIR DANKBAR. Eva Reinhard wurde von Bundesrat Johann Schneider-Ammann als Leiterin der Forschungsanstalt Agroscope IM MÄRZ 2018 EINGESETZT. SIE GILT ALS KLARE BEFÜRWORTERIN DER ZENTRALISIERUNG IN POSIEUX, ALLENFALLS WAR SIE SOGAR DIE ARCHITEKTIN DIESER UNSELIGEN ZENTRALISIERUNGSIDEE. SIE SAGT IM INTERVIEW: «Eine engere Vernetzung DER klassischen Agrarforschungsdisziplinen ist (MIT DEN RUND 1000 FORSCHENDEN) also dringend nötig. Diese wird begünstigt, wenn Forschende aus verschiedenen Disziplinen räumlich nahe beieinander sind. Innovation aus Interdisziplinarität entsteht durch Begegnung. Weder das Telefon noch die E-Mail können den persönlichen Kontakt übertrumpfen.» KEIN WORT VON DEN NEUEN DIGITALEN MÖGLICHKEITEN MIT DER WELTWEITEN VERNETZUNG VON FORSCHERTEAMS AN DEZENTRALEN STANDORTEN! SOLANGE EVA REINHARD DIE FÄDEN ZIEHT, IST DER STANDORT TÄNIKON IN GEFAHR!
  • Es geht nicht an, dass der Bund in Posieux grosse Infrastrukturbauten beim Kanton Freiburg neu bestellt und dafür horrende Mieten bezahlt, dort auch die neuen Forscherinnen und Forscher entlöhnt und damit grosse Wertschöpfung neu in die Romandie verschiebt. Und das erst noch im Bereich Landwirtschaft, wo der Kanton Thurgau einer der führenden Kantone der Schweiz überhaupt ist. Weil Tänikon der einzige Standort von Agroscope in der Ostschweiz ist, können auch die Produktionszahlen der ganzen Ostschweiz in die Waagschale geworfen werden. Sowohl im Pflanzenbau als auch in der Tierproduktion produziert die Ostschweiz in den wichtigsten Produktionszweigen zwischen 20 und 30 % der gesamtschweizerischen Produktion. Es geht auch um die starke Stellung der Ernährungswirtschaft im Thurgau und in der Ostschweiz. Bedeutende Konzerne der Ernährungswirtschaft haben in den letzten Jahren sehr grosse Investitionen getätigt!
  • Fast 14 % der im Thurgau Beschäftigten arbeiten in der Land- und Ernährungswirtschaft. Sie erwirtschaften allein fast 10% der gesamtschweizerischen Bruttowertschöpfung im Primärsektor.

 

Ich wiederhole mit Nachdruck meine Forderung: Die Forschung von Agroscope muss zurück zu den praktizierenden Landwirten und zur Ernährungswirtschaft, zur digitalen Herausforderung, auch zu den grossen Herausforderungen im Umweltbereich, möglichst nahe an der landwirtschaftlichen Praxis und der Ernährungswirtschaft. Sie darf auf keinen Fall einseitig in der Westschweiz zentralisiert werden! 

 

Josef Gemperle, Landwirt und Kantonsrat CVP, Fischingen